Was ist interkulturelles Coaching?

Interview mit Ute Edwards

Kommunikation und Kultur sind zwei, die zusammengehören, sagt meine sympathische, weltoffene Netzwerkpartnerin Ute Edwards. Die versierte Diplom-Übersetzerin für Deutsch und Englisch, mit dem Schwerpunkt Technik und Wirtschaft, ist Expertin für Interkulturelles Coaching. Warum ein solches Training der besseren Verständigung dient und eine wirtschaftlich sinnvolle Investition ist, verrät sie im Interview.

„Kultur ist die Art, wie Menschen Probleme lösen.“ Fons Trompenaars

Ute, Kommunikation ist mehr als Sprache. Was bedeutet das im interkulturellen Dialog?

Ute Edwards: Menschen kommunizieren nicht nur verbal. Daher umfasst Interkulturelles Coaching auch die non-verbale Kommunikation und integriert darüber hinaus die kulturellen Besonderheiten. Das beginnt bereits auf regionaler Ebene, wenn zum Beispiel Menschen aus unterschiedlichen Teilen eines Landes miteinander zu tun haben: Nord, Süd, Ost, West. Jede Region hat ihre eigenen Stereotypen und entsprechende Klischees. Das betrifft das private und das berufliche Umfeld gleichermaßen.

Hat es wirtschaftliche Konsequenzen, wenn im Berufsalltag oder im Rahmen geschäftlicher Beziehungen Missverständnisse entstehen?

Ja, natürlich. Das gegenseitige Verstehen ist für den Unternehmenserfolg enorm wichtig. Rund 40 Prozent aller internationalen Geschäftsbeziehungen scheitern an sprachlichen Missverständnissen und kulturellen Unterschieden. Ich erkläre das gern an einem Beispiel aus meiner Erfahrung als Übersetzerin in einem international agierenden Unternehmen. Ein deutscher Kollege, mit dem ich englische Texte für ein Griechenland-Projekt erarbeitete, kam bereits nach kurzer Zeit zu mir, um sich über seinen griechischen Kollegen zu beklagen. Ihm stand nun eine dreitägige Dienstreise nach Griechenland bevor. Er zeigte mir seine Arme, die mit roten Flecken übersät waren und meinte, die bekäme er inzwischen jedes Mal, wenn er nach Griechenland reisen müsste.

Weil er schon vor der Geschäftsreise extrem gestresst war?

Genau. Wie es sich für einen deutschen Mitarbeiter in verantwortungsvoller Position gehört, war er jedes Mal gut vorbereitet, hatte einen Terminplan ausgearbeitet, einzelne Projektschritte aufgelistet, Maße berechnet und so weiter. Er hatte alles getan, was aus seiner Sicht nötig war, um das Projekt erfolgreich durchzuführen.

Wie gewohnt erschien er in Griechenland pünktlich morgens um acht im Büro – allerdings allein. Denn sein griechischer Kollege kam erst zwischen neun und halb zehn. Der begrüßte ihn dann fröhlich, fragte, wie seine Anreise gewesen war, ob er gut geschlafen hätte und bot ihm Getränke an. So verging eine weitere halbe Stunde, bevor es an die eigentliche Arbeit ging. Und schon kam der nächste Dämpfer: Die griechischen Kollegen hatten nichts davon vorbereitet, was für den Projektschritt bis zu diesem Treffen vereinbart worden war. Es ging also nur schleppend voran. Man verabredete sich zum Abendessen und der deutsche Kollege hoffte, dort am Thema weiterzuarbeiten.

Und wurde wieder ausgebremst?

So fühlte es sich zumindest für ihn an. Denn für den Griechen war nun ‚Feierabend‘. Er erzählte von seiner Frau und seinen Kindern und fragte nach dem Wohlergehen der Familie seines deutschen Kollegen. Dieser hingegen wurde immer nervöser, denn nach den drei geplanten Tagen war nur die Hälfte des Pensums abgearbeitet, das er erreichen wollte. So verliefen die Treffen jedes Mal, auch wenn der griechische Kollege am deutschen Standort war. Für den deutschen Kollegen bedeutete das: Stress pur.

Sind das wirklich so gravierende Unterschiede?

Wir reden hier einfach über sehr unterschiedliche Einstellungen, Verhaltensweisen und Werte. Für den deutschen Kollegen standen Pünktlichkeit, Korrektheit und der Arbeitsauftrag im Vordergrund, während der griechische Kollege Wert auf ein gutes Miteinander, den Austausch über die Familie und erst dann auf die Arbeit legte. Hier spielten die norddeutsche und die südländische Mentalität eine entscheidende Rolle.

Und selbst in Ländern, in denen wir viele Gemeinsamkeiten im beruflichen Umfeld finden, beispielsweise in Amerika und Deutschland, gibt es feine, kulturelle Unterschiede. Das Wissen darüber ist letztendlich entscheidend, wie erfolgreich sich der Businesstalk entwickelt, eine Karriere verläuft und ob ein Job zur frustrierenden oder bereichernden Erfahrung wird. 

Wie genau sieht dieser feine Unterschied aus?

Für Deutsche hat eine sorgfältige Planung sowie ein möglichst optimales Produkt, das auch Spezialfälle abfängt, hohe Priorität. Bevor in Deutschland ein Produkt erstellt und auf den Markt gebracht wird, eine neue Software beispielsweise, setzen sich deutsche Hersteller in einer langen Vorbereitungsphase mit allen möglichen Details auseinander. Sie planen als Projektergebnis ein umfassendes und komplexes Softwaresystem. Die Entwicklungs- und Testphase sind wiederum sehr zeitintensiv und es kann dauern, bis das Produkt marktfähig ist.

Im Gegensatz dazu sind amerikanische Projekte durch eine relativ kurze Planungsphase und durch pragmatische, möglichst einfache Ergebnisse gekennzeichnet. Das Ziel wird definiert, der erste Schritt geplant und die Umsetzungsarbeit beginnt. Während der Umsetzung sieht man bereits, was geändert werden muss und was nicht. Nach dem ersten Schritt kommt der zweite. Fehler können dann immer noch ausgebügelt werden. Für die meisten Aufgaben streben Amerikaner eher nach einer schnellen Lösung als nach hundertprozentiger Qualität. Das Prinzip „Versuch und Irrtum“ ist eine wichtige Maxime. Ein Hauptgrund für Konflikte in deutsch-amerikanischen Projekten dürfte die sehr unterschiedliche Herangehensweise an Projekte sein.

Dein Interkulturelles Coaching hilft, solche Konflikte zu vermeiden. Was genau tust Du?

Wir schauen gemeinsam nach Lösungsansätzen, die sich durch die Formen der Zusammenarbeit und die Herangehensweise ergeben. Indem wir unter anderem die Vorteile beider Seiten hervorheben und erkennen, dass jede Methode in der einen oder anderen Situation ihre Berechtigung hat. Es geht darum, Verständnis für landestypische Besonderheiten und ihre Hintergründe zu entwickeln: für die Kultur, die Mentalität und die Unterschiede im Berufsleben und Alltagsleben.

Auf dieser Basis können wir Synergien erkennen und schaffen. Es lassen sich sinnvolle Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Ansätzen finden, indem wir uns die Fragen stellen: Welche Unterschiede sind vorhanden? Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wie können wir diese zum gegenseitigen Vorteil miteinander verbinden?  

Das heißt: Die gegenseitigen und gemeinsamen Werte stehen im Vordergrund?

Ja, im Interkulturellen Coaching nimmt die Werte-Arbeit einen großen Raum ein. Dazu gehört zunächst einmal das Erkennen und Verstehen der eigenen Werte, dann das Bewusstmachen der Werte des anderen Landes. Grundsätzlich gilt: Es gibt keine bessere oder schlechtere Kultur. Denn wer auf der Welt könnte und wollte das beurteilen? Es geht in erster Linie um unterschiedliche Kommunikationsstile und sprachliche Unterschiede. Damit ist nicht  die englische oder deutsche Sprache an sich gemeint, sondern die Art der Kommunikation.

US-Amerikaner kommunizieren im Vergleich zu den Deutschen indirekter, was dann diese oft nicht in vollem Umfang verstehen. Deutsche hingegen kommunizieren sehr direkt, was bei den Amerikanern oft als Angriff empfunden wird. Wenn ein Amerikaner sagt: „That’s a great idea, but …“, dann dient der erste Teil des Satzes dazu, eine angenehme Kommunikationsatmosphäre zu schaffen. Nach dem „but“ kommt die eigentliche Aussage. Für den Deutschen in seiner direkten Art enthält jedoch der erste Teil die Kernaussage; nach dem „but“ kommt eine weniger wichtige Erläuterung. Im Interkulturellen Coaching vermittele ich Erkenntnisse über die eigene und andere Kulturen. Das Verstehen von Kulturunterschieden hilft vor allem, sich selbst zu erkennen.

Wer braucht Interkulturelles Coaching?

Jedes Unternehmen, das weltweit tätig ist, wird irgendwann mit unerwarteten Verhaltensweisen und Erwartungen der Menschen aus anderen Kulturen konfrontiert. Im Zuge der Internationalisierung der Arbeitswelt nimmt das Interkulturelle Coaching einen immer größeren Stellenwert ein. Und Unternehmen erkennen zunehmend die Notwendigkeit einer interkulturell orientierten Personalentwicklung, zusätzlich zu Auslandsentsendungen oder multikulturellen Teams. Dieser Faktor Kultur wird häufig unterschätzt, denn oftmals ist mangelndes Kulturverständnis die Ursache ‚unerklärlicher‘ Probleme.

Ein Interkulturelles Coaching empfehle ich auch für Menschen, die viel mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten. Das sind zum Beispiel Fach- oder Führungskräfte, die in Telefonkonferenzen solche Kontakte haben, die geschäftlich reisen oder sich auf einen längeren Auslandsaufenthalt vorbereiten. Im letzten Fall ist so ein Coaching auch für die mitreisenden Familienmitglieder oder Partnerinnen und Partner sehr hilfreich. Und genauso sinnvoll ist es für ausländische Kolleginnen und Kollegen, die für eine längere Zeit in einem Unternehmen in Deutschland arbeiten, um ihnen das Leben bei uns zu erleichtern.

Ist das in der Regel ein Einzelcoaching?

In den meisten Fällen ja, denn es orientiert sich am Potenzial des Einzelnen. Im unternehmerischen Umfeld kann es durchaus Sinn machen, das Coaching mit einem Team oder einer Abteilung durchzuführen. Wenn das gewünscht ist, konzipiere ich es als interaktiven Workshop. Gewünscht ist dabei ein Mitwirken aller Beteiligten. Im Prinzip geht es dabei immer um ein besseres Verständnis und Miteinander von mindestens zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturen.

Bist Du auf bestimmte Kulturen spezialisiert?

Die Nationalität spielt eine zunächst untergeordnete Rolle, wenn ich mit Menschen aus Deutschland arbeite, da ja eine Sensibilisierung für die eigene Kultur erreicht werden soll. Erst im länderspezifischen Teil geht es um die Zielkultur. Aufgrund meiner beruflichen und privaten Historie habe ich mich auf die USA und Großbritannien spezialisiert. Wenn es um andere Kulturen geht, werde ich von Kolleginnen oder Kollegen aus dem jeweiligen Land unterstützt.

Es braucht generell eine gute Mischung aus kultureller Erfahrung und Einfühlungsvermögen, um für die kleinen, aber feinen Unterschiede in der interkulturellen Kommunikation zu sensibilisieren und praxisnahe Tipps an die Hand geben zu können. Ich denke, das ist meine Spezialität.

Foto: Ute Edwards