Worte, die Trauer (be)greifbar machen

Trauer ist ein Balanceakt, ein Auf und Ab aller möglichen Gefühle. Diese Gefühle zu erkennen, sie zuzulassen und sich damit auch anderen zuzumuten, ist der erste, wichtige Schritt, den Verlust zu bewältigen. Denn Trauer hat genau diese Funktion. Wir brauchen Sie, um Verluste zu bewältigen. Und das geht am allerbesten im Miteinander, sagt die Autorin Gina Krause im Gespräch mit uns über ihr Buch ‚Menschen mit Behinderung in ihrer Trauer begleiten‘ für die erste Ausgabe des Magazins des Arbeitskreis Down-Syndrom Deutschland, dessen Redaktion wir übernommen haben.

Mareike Neumayer, Organisatorin, und Referentin Gina Krause
Mareike Neumayer, Organisatorin, und Referentin Gina Krause

Ihre Kurs ‚Unterstützen statt behindern – Menschen mit Behinderung in Sterben und Trauer begleiten‘, den Mareike Neumayer für die Hospiz- und Palliativ-Akademie Gütersloh organisierte,  wurde Corona bedingt auf den September verlegt. Wir nahmen daran teil und weisen nun sehr gern auch auf unserer Seite noch einmal auf den Ratgeber der Autorin hin, den wir für sehr lesenswert halten. Denn das Buch bietet nicht nur Grundlagenwissen und Handlungskompetenzen für Profis oder Ehrenamtliche, sondern für uns alle. Es zeigt, es kann leicht gehen, sich einem Thema zu widmen, das völlig alltäglich und dennoch ein großes Tabu in unserem Kulturkreis ist. Und dass Worte auch hier eine ganz entscheidende Rolle spielen:

Vom Annehmen bis zur Zeremonie

Gina Krause hat diesen sehr praxisnahen Ratgeber gemeinsam mit Mechthild Schroeter-Rupieper geschrieben. Die Co-Autorin führt das Lavia Institut für Familientrauerbegleitung in Gelsenkirchen. Sie hatte der heute 27-jährigen Gina Krause bereits als Jugendlicher die Bedeutung von Trauerbegleitung nahe gebracht. „Meine Mutter war außerdem Kinderkrankenschwester und so war mir schon als Kind bewusst, dass Sterben nichts mit dem Alter zu tun hat und uns alle betrifft“, sagt sie.

Heute ist es ihr Herzensanliegen, die Gesellschaft für einen offenen Umgang mit Trauer zu sensibilisieren, mit all den nötigen und heilenden Gefühlen, die dazu gehören. Dass Menschen mit Behinderungen dabei eine besonders aufmerksame Begleitung brauchen, weißt sie ebenfalls aus viel Erfahrung.

„Meine Traumgesellschaft wäre eine, in der wir uns die Trauer zutrauen und sogar zumuten. Ich wünsche mir, dass Menschen aufeinander zugehen, statt sich abzuwenden. So würde niemand in seiner Traurigkeit allein bleiben.“

Dass dies mehr als eine Botschaft, sondern eine Möglichkeit für jede einzelne Familie oder Einrichtung ist, wird in ihrem Buch deutlich. „Die Autorinnen trauen sich an die Begleitung von Menschen mit sehr schweren Behinderungen. Menschen, die über Sprache kaum zu erreichen sind. Und die Ideen und Vorschläge im Buch können wirklich ermutigen, auch diesen Menschen Trauerbegleitung anzubieten“, heißt es in der Rezension von Prof. (em) Dr. Dr. h.c. Andreas Fröhlich.

Einander zugewandt begegnen

Trauerfälle sind unvermeidbar und so ist es im Grunde keine Option für Familien, Freunde oder den Menschen, die in Einrichtungen arbeiten, damit nicht umzugehen. Die Frage ist vielmehr das WIE: Wie gehen wir mit einem Trauerfall und Trauernden um? Was kann ihnen helfen, den Verlust zu begreifen? Und wie gehen wir mit Menschen um, die kaum oder gar nicht sprechen, hören oder sehen können?

Dazu Gina Krause: „Die Trauer selbst hat nichts damit zu tun, ob oder welche Behinderungen ein Mensch hat. Oft liegt die Behinderung eher im Umgang mit Tod und Trauer. Entscheidend für Menschen mit einer Behinderung ist jedoch, wie ihre Angehörigen, Betreuenden und Freunde damit umgehen. Denn sie sind viel abhängiger von deren Haltung. Es ist wichtig, sie aktiv einzubeziehen, ihnen Raum für Gefühle zu geben und sie teilhaben zu lassen. Das fällt vielen Angehörigen schwer, weil sie selbst trauern, sich überfordert fühlen oder ihre Kinder schützen wollen.

Dabei ist es selbst für Menschen mit schwersten oder mehrfachen Behinderungen wichtig, sie zum Beispiel in die Beerdigung oder die Trauerfeier einzubeziehen, vielleicht durch einen vorherigen Besuch auf dem Friedhof oder in Gespräche, die darüber geführt werden. Auch wenn sie die Worte nicht verstehen, so spüren sie doch, dass da jemand ist, der ihnen zugewandt ist und sie eben nicht außen vor lässt.“

Tod und Trauer seien immer noch Tabuthemen in unserer Gesellschaft sei, sagt Gina Krause auch wenn sich in den letzten 25 Jahren aktiver Hospizarbeit schon viel verändert habe. „Zudem müssen Familien mit Kindern mit Behinderung ohnehin die Erfahrung machen, dass sich Freunde und Bekannte abwenden und sie dadurch mehr allein sind. Und viele Trauernde lernen, dass sich Freunde und Verwandte abwenden, wenn sie ihre Trauer zeigen. Daher behalten sie ihre Gefühle lieber für sich.“

Es sei eine Kompetenz vieler Menschen mit Behinderungen, Gefühle zeigen und leben zu können. Das Buch solle dazu ermutigen, sie dabei zu unterstützen und durch Worte oder Gesten zu zeigen: „Es ist in Ordnung, wenn du traurig bist. Ich bin es auch und es ist gut wenn wir unsere Traurigkeit teilen könne, damit niemand allein ist.“

Menschen mit Behinderung begleiten

Grundlegend für eine gute Trauerbegleitung ist die Haltung der begleitenden Person, heißt es in der Buchbeschreibung. Im realen Tagesgeschehen ist es für Menschen, die keine Profis sind, kein Leichtes, die Balance zu halten: die eigene Trauer zu bewältigen und gleichzeitig eine Stütze für jemand anderen zu sein, mit dem eine verbale Kommunikation vielleicht gar nicht möglich ist. Wie genau das gehen kann, beschreiben die Autorinnen sehr konkret. Sie zeigen auf der Grundlage von Theorien auf und zeigen, wie Begleitende einen ressourcenorientierten, ganzheitlichen Blick einnehmen können. Trauer wird dabei als Fähigkeit verstanden, welche die Anpassung an eine neue Lebenssituation ermöglicht. Das Buch bietet allen Menschen die Chance, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen und die eigenen Handlungskompetenzen zu erweitern. Die Autorinnen liefern lebenspraktische Anregungen für tröstende Rituale: ein Erinnerungsessen mit den Lieblingsspeisen des Verstorbenen zu kochen, beispielsweise. „Dabei braucht es dann nicht viele Worte. Erinnerungen tragen wir in all unseren Sinnen“, so Gina Krause.

Gina Krause ist studierte Heilpädagogin, ausgebildete Trauerbegleiterin und seit 2018 Hospizkoordinatorin im Hospizverein Bad Segeberg e. V. Sie arbeitet zudem als freie Referentin zu den Themen Trauer und Hospiz. Weitere Informationen: www.ginakrause.de

 

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