Inklusive Medien – Zeit wird’s

Wer dazu gehört, wird gesehen!

Dieser Satz stammt aus einem aktuellen Blogbeitrag der Schauspielerin Carina Kühne zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, den die UNO am 3. Dezember 1992 einführte. „Im Grundgesetz steht, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und darauf soll an diesem Tag aufmerksam gemacht werden“, schreibt die Schauspielerin mit Trisomie 21. „Ganz bestimmt könnten auch die Medien dazu beitragen, ein positiveres Bild dieser Menschen zu zeigen“, schreibt sie. Das tun wir gern, liebe Carina!

„Verpflichten wir uns an diesem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen darauf, eine nachhaltige, inklusive und gerechte Zukunft für alle Menschen zu schaffen und niemanden zurückzulassen.“

So lautet ein Statement des UNO Generalsekretärs António Guterres. „Eigentlich bin ich ein positiv denkender Mensch und glaube immer an das Gute im Menschen. Darum wünsche ich mir so sehr, dass auch weiterhin Kinder mir einer Trisomie geboren werden dürfen. Unsere Welt wäre ganz bestimmt ärmer, wenn es diese kleinen fröhlichen und glücklichen Kinder nicht mehr gäbe“, sagt dazu Carina Kühne. Sie wünscht sich, dass alle Eltern, die eine Entscheidung treffen müssen, Kontakt zu Familien mit einem Mitglied mit Down-Syndrom aufnehmen und sie kennenlernen.

Dazu bietet auch der Arbeitskreis Down-Syndrom Deutschland e. V., Bielefeld, die Gelegenheit, der vor mehr als 40 Jahren als Elternverein gegründet wurde.

Botschaften, die unter die Haut gehen

Als Redaktion der MITTEILUNGEN, dem Magazin des AKDS, sprachen wir erneut mit der Schauspielerin, die auch in den Sozialen Medien sehr aktiv ist. Hier sagte sie im Zusammenhang mit dem Pränatal-Test, der seit dem 1. Juli 2021 eine Kassenleistung ist: „Es ist wirklich kein schönes Gefühl, zu wissen, dass Menschen wie ich nicht gewollt werden.“ Dieser Satz ist uns unter die Haut gegangen. Denn dies war die Botschaft, welche die junge Frau dieser politischen Entscheidung entnimmt.

Nachempfunden im Film ‚Werk ohne Autor‘

„Ja, genau“, bestätigt Carina Kühne im Interview mit uns: „Ich muss immer daran denken, dass Menschen wie ich in der Hitlerzeit vergast wurden. In dem Film ‚Werk ohne Autor‘ von Florian Henckel von Donnersmarck bin ich in einer Szene auf dem Weg in die Gaskammer zu sehen. Das war zwar nur gespielt, aber es ist doch eine sehr beklemmende Situation. Viele Menschen meinen zwar, dass diese Situation mit dem Pränatal-Test nicht vergleichbar ist. Aber für mich heißt es, dass Trisomie 21 heute genauso wie damals ein Grund ist, ausgesondert zu werden. Der Unterschied ist nur, dass diese Kinder damals noch auf die Welt kommen durften. Heute werden sie fast alle schon im Mutterleib getötet und das finde ich sehr schlimm und traurig.“

Glücklich mit Trisomie 21

Carina Kühne ist das beste Beispiel für ein erfülltes Leben mit Trisomie 21. „Ich bin ein sehr interessierter Mensch und lebe sehr gerne“, sagte sie in einem früheren Interview.  „Entgegen der Meinung vieler Fachleute habe ich lesen, schreiben und rechnen gelernt und einen Schulabschluss gemacht. Ich kann Klavier spielen und tauchen. Durch all das, was ich lernen konnte und durfte, habe ich sehr viel Freude am Leben. Mein Leben ist sehr abwechslungsreich, ich bin viel unterwegs und lerne viele Menschen kennen.“

Auf unsere Frage, was sie werdenden Eltern sagen würde, die Angst davor haben, ein Kind mit Trisomie 21 zur Welt zu bringen, sagt sie: „Ich würde mir wünschen, dass sie Menschen mit Down-Syndrom und ihre Familien kennenlernen, bevor sie sich gegen ihr Kind entscheiden. Dieser Test ist leider besonders bei jungen Frauen öfter falsch positiv und außerdem gibt selbst ein negativer Test keine Sicherheit. Es gibt nämlich noch viele andere Gründe für ein Leben mit Krankheit und Behinderung, die mit diesem Test nicht ausgeschlossen werden können. Die meisten Behinderungen oder Krankheiten erwirbt man meist erst im Laufe des Lebens, zum Beispiel durch einen Unfall. Fast alle Menschen mit Trisomie 21 leben gerne und ihre Familien sind glücklich.“

„Menschen mit Down-Syndrom sind nicht krank!“

Das unterstreicht Carina Kühne auch auf ihrem Blog: „Als Schauspielerin betone ich auch immer wieder, wie wichtig es wäre, wirklich inklusive Filme zu drehen. Filme, in denen alle zu sehen sind und in denen Behinderung gar kein Thema ist. Die Medienwelt spiegelt ja unsere Gesellschaft wieder. Leider kommen da kaum Menschen mit Down-Syndrom vor und wenn, tragen die vielen Klischees auch nicht gerade dazu bei, den oft negativen Eindruck, der in unserer Gesellschaft herrscht, gerade zu rücken.“ Sie fragt sich, ob die Filmschaffenden den Mut aufbringen, wirklich inklusiv zu werden. Und ob diese künftig ihre Figuren mit Down-Syndrom nicht mehr als Opfer oder Helden darstellen, sondern als Menschen, die einfach dazugehören. Auf keinen Fall möchte sie sich an den Gedanken gewöhnen, dass gar keine Babys mit Zusatzchromosom mehr geboren werden. Und dass alle Menschen gesehen werden und dazugehören. „Dann wird unsere Welt bunter und schöner!“ Liebe Carina, das sehen wir ganz genauso.

Über die Schauspielerin Carina Kühne:

Bereits vor ihrer Episodenhauptrolle in der Serie ‚In aller Freundschaft‘ im Jahr 2016 wurde Carina Kühne in der Rolle der Nicole in ‚Be My Baby‘ bekannt. Diese Filmrolle in 2014 war der Grundstein für ihre Karriere. In diesem Jahr war sie vielseitig gefragt, unter anderem für ein vhs-Video zum Thema Naturschutz Verkehrter Verkehr. Umweltschutz sei ihr wichtig, sagt sie, darauf könnten wir gar nicht genug aufmerksam machen. Bei einem Rollenfang-Workshop spielte sie die Hauptrolle in dem Film ‚Erfolg sind nicht die Anderen‘. Für die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg besetzte sie neben Heiner Hardt und Hede Beck in dem Kurzspielfilm ‚Forever Young‘ ebenfalls eine Hauptrolle.

‚Nach dem Tod der Mutter brechen eine junge Frau mit Down-Syndrom und ihr origineller, aber betagter Vater zum ersten Mal alleine nach Italien auf. Die Fahrt stellt den gemeinsamen Urlaub und sogar das zukünftige Zusammenleben in Frage“, erklärt Carina Kühne zum Inhalt. Darüber hinaus hatte sie ein Engagement am Staatstheater in Darmstadt. »Leider konnten wir nicht wie geplant ein Theaterstück auf der Bühne inszenieren, aber dank der Kreativität des Regisseurs bekam ich die Gelegenheit, täglich ein bis zwei Balkonreden vom Balkon des Staatstheaters zu halten. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich.“

Sehr gefreut habe ich mich auch, dass unser Film ICH AUCH auf dem Filmfest Barcelona International Disability Filmfestival 2021 vom 23. bis 30. November 2021 den ersten Preis bekommen. „Nun bin ich gespannt, wie der Film auf dem Kurzfilmfestival KLAPPE AUF! vom 1. bis 3. April 2022 in Hamburg ankommt.“ Wir werden berichten, liebe Carina!

Weitere Informationen 

Fotos: Conny Wenk, Merle Weidemann