Texte in Leichter Sprache

Mareike Neumayer erklärt: So entsteht ein Text in Leichter Sprache

Über 20 Millionen Menschen in Deutschland tun sich schwer mit dem Lesen unserer Alltagsprache, mit langen Sätzen und schwierigen Wörtern. Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistigen Einschränkungen, aber auch Menschen mit geringen Deutschkenntnissen oder beginnender Demenz. Wow, dachte ich, als mir das vor einigen Jahren bewusst wurde. Als Redakteurin habe ich jeden Tag mit Sprache zu tun. Das Konzept der Leichten Sprache war für mich eine Entdeckung, die mich spontan begeisterte. Heute bin ich selbst als Übersetzerin in Leichter Sprache ausgebildet und freue mich, dass dieses Wissen immer weitere Kreise zieht – auch als Spezialisierung von wort + !dee und als Beitrag zur Inklusion.

Den Impuls, mich intensiv mit Leichter Sprache zu beschäftigen, gab ein Bericht im Vorfeld der Bundestagswahlen im Deutschlandfunk vor einigen Jahren. Es ging darum, wie Informationen zum Wahlsystem möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden können – und zwar mittels Leichter Sprache. Und so wurde auch mir bewusst, dass Millionen Menschen in Deutschland allein durch unsere Sprache ausgegrenzt werden.

Ein Beitrag zur Barrierefreiheit

Ich habe dann eine Ausbildung zur Übersetzerin für Leichte Sprache gemacht, um einen Beitrag zu mehr Barrierefreiheit leisten zu können. Es gab wie bei einer Fremdsprache für diese besondere Form des Deutschen ein umfangreiches Regelwerk basierend auf Erkenntnissen der Verständlichkeitsforschung zu lernen. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist eine Besonderheit am Konzept der Leichten Sprache: Ich kann heute zwar übersetzen, den entscheidenden Part leisten dann allerdings Prüfleser. Erst dann bekommt ein Text das Zertifikat ‚Leichte Sprache‘.

Das heißt: Menschen aus der Zielgruppe prüfen den Text, ob er wirklich verstanden wird. Von ihnen lerne ich, welche Wörter in ihrer Lebenswelt noch ‚leichter‘ sind.

Hilal Yesidag und Stephanie Blume
Hilal Yesidag und Stephanie Blume

Hilal Yesidag ist so eine Prüfleserin. Sie arbeitet in Bielefeld beim Büro für Leichte Sprache „Alles klar für alle“ der Diakonischen Stiftung Ummeln, gemeinsam mit den Übersetzerinnen Stephanie Blume und Sarah Jane Borchert. Sie hat einen Text für uns geprüft, den ich für das Magazin MITTEILUNGEN des Arbeitskreis Down-Syndrom geschrieben habe, dessen Redaktion Wort und Idee im letzten Jahr übernommen hat.

Rot markiert heißt: Versteht man nicht.

Für unseren Bericht erklärt Hilal Yesildag wie eine Prüfung abläuft: „Ich bekomme den Text zusammen mit der Information, wer ihn später lesen wird. So kann ich mir die Menschen vorstellen, die ihn später verstehen sollen. Ich arbeite beim Lesen mit 3 Textmarkern: mit grün markiere ich, was leicht zu verstehen ist. Gelb ist so mittel. Die rote Markierung bedeutet: versteht man nicht.“ Stephanie Blume, die das Leichte Sprache-Büro leitet, spricht dann mit ihr die Ergebnisse durch. Gemeinsam überlegen die beiden, wie man Dinge verständlicher ausdrücken kann und welche Wörter die Zielgruppe am besten versteht. Eine große Hilfe für Stephanie Blume: „Hilal hat oft schon Vorschläge parat, auf die wir so gar nicht gekommen wären.“

Unterstützt wird Hilal Yesildag von einer Prüfgruppe bestehend aus sechs Menschen, die in Einrichtungen der Diakonischen Stiftung Ummeln leben und mit denen die beiden Übersetzerinnen gemeinsam die zu prüfenden Texte lesen. Die geistigen Einschränkungen bei den Prüflesern sind unterschiedlich ausgeprägt. Auch das stellt sicher, dass Texte möglichst vielen Menschen zugänglich sind.

Mehr Menschen erreichen mit Leichter Sprache

Gerade hat das Büro für Leichte Sprache sein dreijähriges Bestehen gefeiert. Nun etabliert sich das Büro ‚Alles klar für alle‘ inzwischen ebenso wie auch immer stärker die Leichte Sprache. Durch gesetzliche Regelungen sind bestimmte Institutionen verpflichtet, ihr Material auch barrierefrei in Leichter Sprache anzubieten. Das Interesse wächst. Und auch Unternehmen erkennen die Chance zur Inklusion über Leichte Sprache. Das beginnt bei internen Informationen zur Arbeitssicherheit und geht bis hin zu inklusivem Marketing.

Wo immer es sich anbietet, sprechen wir auch bei Wort und Idee mit unseren Kunden über die Möglichkeiten, die ihnen Leichte Sprache eröffnet – und dann liegen die Vorteile klar auf der Hand: mit dem Abbau von Sprachbarrieren kann das eigene Angebot endlich mehr Menschen erreichen. Endlich wird niemand mehr ausgeschlossen.

Mareike Neumayer,
Übersetzerin und Trainerin für Leichte Sprache 

 

 

 

Fotos:  Leon Rejschek, Jana Stein